Das perfekte Insta- und Bloggerleben

Das perfekte Insta- und Bloggerleben

Instagram ist voll im Trend. Facebook ist schon wieder etwas für die ältere Generation. Whaaaat? Und wenn ich nun so durch Instagram scrolle, so dreht sich mir bei einigen sogenannten InstaMoms der Magen um. Perfekt gestylte Kinder, perfekte Wohnungen, perfektes Essen und perfekte Geburtstagsparties. Dahinter verstecken sich Mütter, die meinen, sie müssten ihren Kindern ein perfektes Leben bieten. Manchmal unter dem Deckmantel “Leben im Chaos” – wozu es unendlich viele Blogbeiträge gibt.

Diese Beiträge sind durchgeplante Postings, die nur so gespickt sind von erhobenen Zeigefingern, wie chaotisch doch alles sei, wenn das Lieblingskind von der Schule abgeholt und dann zu Geige gebracht wird. Da kann man schon mal zu Hause 3 Teller stehen lassen. Natürlich kommt die Putzfrau nur einmal pro Woche, die Oma passt leider nur an 2 Nachmittagen auf das Kind auf und alles ist brutal anstrengend mit dem Lieblingskind. Diese Leute wissen nicht einmal, was es wirklich heißt: Im Chaos unterzugehen. Nicht mehr zu wissen, was man als erstes angreifen soll. Daher kann man wohl auch locker flockig einen toll inszenierten Beitrag tippseln. Evt. hätte ich gestern meinen 1,5 Jährigen mit der Rasierklinge in der Hand auch vorher ins richtige Licht rücken sollen, um zu dokumentieren, was passiert, wenn man sich 10 Sekunden für die große Schwester Zeit nimmt.

Zwischendurch eine kurze Anmerkung:
Dieser Beitrag hier soll nicht sagen: Jeder Blogbeitrag, der perfekt inszeniert ist, ist schlecht. Im Gegenteil. Es steckt viel Arbeit dahinter und oft sind es tolle Themen, welche auch zum Nachdenken oder Umdenken anregen.
Mir geht es hier vor allem darum, dass sehr sehr oft Alltagssituation so überzeichnet und überperfekt dargestellt werden, dass es absolut keiner Realität mehr entspricht; der Leser keinen Bezug mehr zum Geschriebenen herstellen kann, da es oft sündteure Sachen sind und sich ein normal Sterblicher dieses Leben einfach nicht leisten kann. 
Natürlich wird man immer wieder Beiträge verfassen, welche von einem tollen Familienausflug berichten, von Bastelideen oder sonstigen interessanten Dingen. Und natürlich werden diese ins rechte Licht gerückt.
Es soll auch nicht heißen, dass ein Kind weniger anstrengend ist als drei oder fünf. Man wächst mit seinen Aufgaben und, je mehr Kinder, umso eher spielen sie miteinander und brauchen nicht ständig einen Erwachsenen als Ansprechpartner. 

ABSOLUTE PRIORITÄT als Mamablogger: Man muss Hip sein und die Breie selbst kochen (erhobener Zeigefinger), Muttermilch ist IMMER das Beste für das Kind (erhobener Zeigefinger), selbst wenn die Mutter halb drauf geht vor Schlafentzug und zu wenig Milch. Schließlich definiert sich die moderne Mutter darüber, wie lange sie gestillt und sich für ihr Kind aufgeopfert hat. Schade, dass das Kind nur bis vier Jahre stillen wollte.

Des weiteren ist der Garten das BESTE für das Kind, man ist immer mit den neuesten Alternativ-Matschhosen (meine Namenskreation), welche auf Schadstoffe geprüft und natürlich vegan sind, unterwegs. Muss Fotos machen, wie das Kind in die Pfützen springt, um es danach sofort wieder heraus zu zerren und zum nächsten Fotospot zu laufen. Dass man ständig das Kind im perfekt inszenierten goldenen Schnitt fotografieren und alles immer farblich abgestimmt sein muss, ist absolute Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Insta- und Bloggerleben. Und natürlich braucht es ein 100%, ach was sage ich, 100.000% schadstofffreies, sündteures Lieblingskuschelwesen, welches in jedes Foto irgendwo hinein drapiert wird. Das grausige Entlein, welches eigentlich jede Nacht beim Kind schläft und immer überall mitgeschleppt wird, ist ja nicht so fotogen.

Vor ein paar Tagen stolperte ich auf Instagram über ein Foto, welches einen absoluten Lachanfall auslöste und genau das repräsentiert, was keinem realen Leben in irgendeiner Art und Weise entspricht. Kind perfekt von hinten auf der Couch beim lesen. Schöne Polster, farblich abgestimmt mit Couch und Kleidung und wohl auch dem Staubkörnchen am Boden (welches wohl nur in meiner Vorstellung existierte), perfekt aufgeräumt und noch einige Lesevorschläge am Couchtisch. Darunter: “Wir machen uns zu Hause einen gemütlichen Tag.” So weit, so gut. Schon etwas unglaubwürdig, aber eventuell läuft es bei denen so.

Das Kind hatte Windpocken. Ähm…wenn meine Kinder Windpocken haben, so sieht das nicht so aus. #relatable #fail (Bin ja auch total in und kenne mich mit Hashtags aus.)

Das Kind wird beobachtet und analysiert. Von der Früh bis am Abend. Was es alles kann, was es lernen soll, wie es reagiert usw. Und die Mütter verfallen in regelrechte Heulanfälle und Selbstzweifel, weil das Kind selbstständig wird und sich jetzt selbst die Hose rauf ziehen kann. “Mein Baby, wo bist du nur?” Und noch schlimmer ist die Trennung, wenn es in die Krabbelstube oder Kindergarten geht. Die Mütter sitzen heulend im Auto und das Kind heulend in der Gruppe. Warum? Weil das Kind ein schlechtes Gewissen hat, die arme und traurige Mama allein zu lassen. Die Mutter hat keinen Lebensinhalt mehr. Das Kind ist ihr Lebensinhalt. Traurige Welt und arme Kinder. Dass die manchmal auszucken, ist klar.

“Heinz, wenn wir jetzt über die Straße gehen, machen wir das genau so, wie wir es schon 10 mal zu Hause geübt haben mit den Papierstreifen im Flur. Weißt du noch, wie schnell dich Papa mit dem Bobby Car nieder gefahren hätte, hätte ich dich nicht gerettet?”
Heinz, 10 Jahre, kriegt (zurecht!!! – Anmerkung der Redaktion) einen Anfall.
“Aber Heinz, warum bist du jetzt so traurig? Willst du reden? Komm, wir setzen uns und diskutieren, welche Möglichkeiten wir noch hätten, um diese gefährliche Straße zu überqueren. Vielleicht hast du eine gute Idee.”
Fünf von Heinz’ Freunden überlegen in der Zwischenzeit, was sie ihm morgen in der Schule über seine Mutter erzählen werden. Armer Heinz.

Meine Lieblingsdiskussionen in diversen Elterngruppen beginnen immer mit: “Also findet ihr das auch so unverschämt, dass die Eingewöhnung nur 10 Wochen erlaubt ist? Soll ich zur Leitung gehen und mich beschweren?” Da sitzen die doch wirklich 10 Wochen!!! jeden Tag neben ihrem Kind (oder eben nach 10 Wochen endlich 2 Meter entfernt) und verlangen noch mehr Zeit. Halleluja, die Pädagoginnen sind hier die wahren Superhelden. Superman und Co können einpacken.

Instagram und Blogs sind eine tolle Plattform um tolle Dinge zu “verraten”. Denn wenn ich als Lese wirklich ganz brav bin, wird mir sogar verraten wie ich dieses tolle Ei aus Pappe ausschneiden und anmalen kann. Dargestellt in 5 Schritten mit 5 perfekten Bildern, da ich natürlich zu blöd bin um zu verstehen, wie man eine Vorlage ausschneidet. Logisch.

Pssst….ich, ja, die Erstellerin dieses Artikels, verrate euch jetzt ein Geheimnis: So etwas wird bereits im ersten Jahr bei der Ausbildung zur Pädagogin als ein “No Go” gelernt. “Jetzt darf das Kind…”, und “Dem Kind wird verraten…”.

  1. Aktionen und Unternehmungen sind keine Geheimnisse. Man muss nichts verraten oder erzählen. Man kann es schlicht und einfach sagen. So ganz normal eben.
  2. Das Kind DARF nicht, es KANN, wenn es will. Es braucht nicht meine Erlaubnis, um eine Seite beim Bilderbuch umzublättern. “Jetzt darfst du umblättern.” Nein, das Kind KANN umblättern. Es kann es nämlich physisch und sogar kognitiv total gut erfassen, wie das so geht. Ein BUCH anschauen. Obwohl, viele Bücher sind Kindern nur mehr zumutbar, wenn sie perfekt designed sind (4 Striche und Raum zur Interpretation), alles nur in zwei Farben dargestellt und auf 100% recyceltem BRAUNEN Papier gedruckt ist. Inhaltlich muss sich das Kind wieder finden. Wehe, da wird was von Prinzessinnen erzählt, die von einem Prinzen wach geküsst werden. Himmel, wo bleibt da die Emanzipation.

Hab ich schon erwähnt, wie fertig diese Mütter eigentlich sind? Wie schlecht es ihnen teilweise in ihrer Scheinwelt geht. Mit nur einem oder maximal zwei Kindern, wohlgemerkt. Fragt man nämlich genauer nach, so stürzt dieses Gebilde ziemlich schnell ein. Dann wird man gefragt: Ja, und wie überlebst du das mit 4 Kindern? Wie kannst du das oft alles alleine machen? Wie kann es funktionieren, wenn deine Frau (selbstständig) arbeitet, trainiert und auch noch an einigen Wochenenden weg ist? Das dürfte mein Mann nicht.

Äh…stop. Was darf er nicht? Eigene Entscheidungen treffen? Seinen Interessen nachgehen?

Meine Frau darf sogar ihren Sport machen. Würde sie es nicht machen, würd ich wohl drauf bestehen. Und ich darf sogar mal für für ein Wochenende, drei Tage oder zwei Wochen wegfahren wenn ich es brauche. Und die Kinder überleben es. Gut sogar. Sie lernen nämlich, dass Mama nicht ihr persönlicher Diener ist, sondern ein eigenständiger Mensch mit ganz eigenständigen Bedürfnissen.

Wo wir bei dem schönen Wort “Bedürfnisorientiert” angekommen wären. Oh, wie ich es „liebe“ und wie damit herum geschmissen wird. Ich finde es ein tolles Wort und ein tolles Konzept. Denn jeder Mensch hat Bedürfnisse und auf diese sollte, soweit wie möglich, Rücksicht genommen werden. Und das ist der springende Punkt. JEDER Mensch hat die. Nicht nur das Lieblingskind, sondern sogar die Mama, der Papa, die Mami, die Oma, der Opa, die Geschwister. Und, hoppla. Da werden auf einmal ganz natürlich Grenzen aufgezeigt. Und wenn diese nicht eingehalten werden, ja, dann kracht es bei uns. Nachdem mehr als einmal darüber geredet und immer wieder drauf gekackt wurde, werde ich sehr laut und es gibt sogar Verbote, Konsequenzen und eine so RICHTIG grantige Mama. Denn wisst ihr was? Ich will mich auch einmal hinsetzen und ein Buch lesen. Wahnsinn, oder? Und dann verlange ich von meinen Kindern, dass sie genau so Rücksicht nehmen wie ich auf sie. DAS ist für mich Bedürfnisorientiert. Schaffe ich das immer? Nein. Nehme ich immer korrekt Rücksicht? Nein. Behandle ich manchmal die Kinder absolut unfair und aus dem Affekt heraus? Aber ja. Oft sogar.

Bedürfnisorientiert ist für mich nicht folgendes:

Zwei top gestylte Eltern mit top gestyltem Kind sitzen beim Frühstück am Nachbartisch und beäugen unsere Kinder abschätzig. Meine Tochter hat eben ihre Kleidung selbst ausgesucht und trägt die alte Kleidung des Bruders. Kein Spitzenkleid.

Folgendes Gespräch entwickelt sich: “Ja, Schatz. Du darfst natürlich mit den Schuhen am Tisch tanzen. Wenn es gerade dein Bedürfnis ist, dann bitte mach. Und wenn du das Bedürfnis hast, das Essen zu schmeißen und zu schmieren (ja, es gibt Phasen, da machen sie es, aber nicht mit 5), dann bitte mach. Denn du musst lernen, deinen Bedürfnissen nachzugehen.”

Nein, das ist keine erfundene Geschichte. So etwas verstehen so manche Eltern unter “bedürfnisorientiert”. Das Wort löst bei mir übrigens einen dezenten Würgereiz aus. Aber das sei mal nur so am Rande erwähnt.

Wie oft habe ich solchen Gesprächen mit Grauen gelauscht. Vor allem Kinderhotels sind tolle um zu recherchieren (und dann am Abend 3 Schnaps zu brauchen) Und logischerweise kommen meine Kinder und fragen: “Mama, warum dürfen die Kinder so viel Essen holen (15 cm hoher Berg am Teller) und dann stehen lassen? Warum sollen wir nur so viel holen wie wir auch essen können? Warum dürfen die rum laufen während dem Essen und wir müssen sitzen bleiben?”
Gute Frage, Sohn. Gute Frage. Eigentlich sollte ich darauf antworten: “Weil das Kind ein verwöhnter kleiner Fratz ist und das Kind über die Eltern bestimmt. Weil es den Eltern egal ist, wenn ihre verwöhnten Kinder alle anderen mit ihrem Geschrei in den Wahnsinn treiben.” Aber natürlich antworte ich: “Weil den Eltern das leider egal ist wenn Essen verschwendet wird und in ihrer Familie haben sie wohl andere Regeln.” (was ja auch stimmt…aber eben nur halb)

Tja, so ist das. Und dann sitzen da (junge) Mütter vor Instagram und verzweifeln an ihrem eigenen Leben. Denn sie finden es nicht so perfekt wie es da auf den Bildern dargestellt wird. Sie sehen nicht, dass hinter diesen perfekt inszenierten Bildern normale Familien mit normalen, oder meist noch viel größeren, Problemen stecken. Dass diese Instagram Mütter einfach nur eine Bestätigung des großen anonymen WorldWideWebs brauchen, dass sie gut sind. Dass sie einen guten Job als Mutter machen. Gott sei Dank gibt es da draußen auch viele Familien, die kein Bilderbuchleben führen müssen, um sich gut zu fühlen. Ihr wisst wer ihr seid. DANKE!!!

Ich schreie meine Kinder an. Ist es “pädagogisch wertvoll” – absolut nicht. Aber ich bin dann auch fähig, mich zu entschuldigen. Ich weine auch vor meinen Kindern, ich hab ihnen auch schon gesagt, dass mich alles ankotzt und ich keine Familie mehr haben möchte, wenn sie so weiter machen. Ist das pädagogisch? Nein. Ist es gut für die Kinder? Keine Ahnung. Aber es ist ehrlich und nicht verlogen und ich bin keine Mama, die dann heimlich im Bad heult oder ein Burn-Out hat, weil sie alles hinunter schluckt.

Jedes Kind bringt neue Aufgaben und neue Probleme mit sich. Mit jedem Kind wird das Chaos größer und man lernt, wie man damit umgeht. Man lernt, was wirklich wichtig ist. Das wird mir mein Einzelkind und mein 40 Stunden Job nie geben können. Das Leben in all dem Chaos trotzdem als toll zu empfinden. Stolz zu sein auf alles, was man geschafft hat, zusammenzuhalten und zu sagen: Wir schaffen das. Nicht die Scheidung einzureichen beim ersten Trotzanfall des Kindes, weil der Mann jetzt nicht mehr seine Lieblingsspiele in Ruhe spielen kann. Ohne auf andere angewiesen zu sein und ohne sich komplett selbst aufgeben zu müssen.

Und vor allem: Ohne 100 Likes (gefällt mir) auf Instagram oder Facebook zu benötigen, um sich selbst, sein Leben, seine Beziehung und seine Kinder als toll zu betrachten.

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