Mama macht Urlaub – allein

Mama macht Urlaub – allein

Ich sitze hier an meinem Schreibtisch in vollkommener Ruhe. Meine 4 Kinder (8 Jahre, 4 Jahre und 2x 20 Monate) sind ca. 500 km weit entfernt und ich genieße diese Auszeit. Ja, ich habe mir 10 Nächte Urlaub genommen von meinen Kindern, vom Alltag. Bin allein in ein Wellnesshotel in Südtirol gefahren und fahre endlich ein wenig herunter. 

Die ersten Reaktionen auf mein Vorhaben fielen wie folgt aus: 

  1. Was? Du traust dir das? Dir werden die Kinder sicher nach zwei Tagen fehlen. 
  2. Du lässt deine Kinder 11 Tage lang im Stich? (Nicht ausgesprochen, aber es schwang mit: Wie kannst du nur?)
  3. Ja, und schafft das deine Frau allein daheim mit den Kindern? 
  4. Super. Das würd ich auch gern machen. Genieß die Zeit. 

Ich möchte auf diese 4 unterschiedlichen Reaktionen genauer eingehen. 

  1. Ja, ich trau es mir. Und nein, sie werden mir nicht fehlen. Ich bin jetzt 4 Nächte hier und ich habe mir noch kein einziges Mal gedacht, dass mir meine Kinder fehlen. Ich liebe sie, aber ich denke, dass sie in ihrem Leben 10 Tage ohne Mama wirklich gut überstehen werden und auch ich werde 10 Tage ohne Kinder absolut genießen.
  2. Nein, ich lasse sie nicht im Stich. Ich zeige ihnen, dass jeder Mensch Bedürfnisse hat und diese auch aussprechen darf und ihnen nachgehen. Sie sind zu Hause liebevoll von meiner Frau umsorgt und es fehlt ihnen an nichts. Bisher habe ich auch noch nicht angerufen oder mit den Kindern Kontakt aufgenommen. Ich habe ihnen gesagt, sie können jederzeit anrufen und das machen sie auch, wenn sie es brauchen würden. 
  3. Ja, sie schafft das alles, da wir ein Team sind und kein “der macht nur diese Sachen und der macht nur jene Sachen”. Wir ziehen an einem Strang und gestehen uns Auszeiten zu. 
  4. Diese Reaktion kam genau von 2 Menschen aus meinem Freundeskreis. Und “seltsamerweise” sind das Frauen, die selbst mehr als 2 Kinder haben und einen Partner, der nicht jeden Tag pünktlich um 16 oder 17 Uhr zu Hause ist und das WE so und so nur seiner Familie widmet, keine Eltern im selben Haus usw. Also die, die wirklich wissen was es heißt “zu rotieren”. 

Warum schreibe ich darüber? 

Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es viele Frauen bzw. Mütter gibt, die sich selbst für die Familie und für den Partner aufopfern. Lieber tot umfallen würden, als einmal zu sagen: Ich bin überfordert und brauche eine Pause. 

Ich möchte mit diesem Text wachrütteln und Mut machen. Mut, sich eingestehen zu dürfen, dass manchmal alles zu viel ist. Auch wenn man sich die Lebenssituation selbst ausgesucht hat. (Ein Argument, welches in jedem “ich fühle mich überfordert” Gespräch irgendwann vom Gegenüber auf den Tisch gelegt wird.) Warum dürfen Leute jammern, dass ihr Job stressig ist, aber eine Mutter darf nicht sagen, dass sie nicht mehr mag? Warum dürfen fremde Menschen darüber urteilen, wie eine Familie zu funktionieren hat? 

Einer meiner Standardsätze auf die “Warum”-Frage ist: “Mein Lebensziel ist es nicht als Märtyrerin zu sterben.”

Hier ein kleiner Auszug aus meiner Realität. 

Meine Frau ist selbstständig und gerade in den Sommermonaten doch viel unterwegs. In den letzten 6-8 Wochen war ich fast 4 Wochen komplett allein mit den Kindern. Das ist okay für mich. Wir sind ein eingespieltes Team. Wir sprechen die Termine ab und jeder weiß, was zu tun ist. 9 Wochen Ferien und 4 Kinder ständig zu Hause sind dabei auch nicht hilfreich. 

Ein normaler Tag läuft hier so ab. 

6 Uhr läutet der Wecker. Den drück ich meist in der Küche weg, da ich bereits mit den Kleinen seit ca. 5 Uhr oder 5:30 wach bin. Wickeln, umziehen… Frühstück für alle herrichten, Jausenboxen für die Großen befüllen. 

Um 6:15 Uhr wecke ich meinen Sohn (8), da er um 7:10 außer Haus muss. Dank seiner doch sehr eigenen Wahrnehmung steht er auf, legt sich mit einem Buch auf die Couch und das war es. Nach zig Aufforderungen sich anzuziehen (Kleidung lege ich ihm bereit) und Geschrei seinerseits hat er nach ca. 20 min die Kleidung an und liest weiter. Erneute Diskussion – Frühstück. Er isst und stellt sich TimeTimer, damit er den Bus nicht verpasst. Er liest weiter. Meist sind nur mehr 10 min Zeit übrig. In der Zwischenzeit essen die Kleinen ihre Brote (oder schmieren Sie sich gegenseitig in die Haare), streiten um zwei!! Wasserflaschen usw. Einer der Minis will seine “Mil” (Milch). Die Tochter erscheint irgendwann in dem ganzen Trubel entweder gut gelaunt oder heulend. Jeden Tag eine Lotterie. 

Der Sohn verlässt um 7:10 das Haus. (Er braucht nach wie vor Hilfestellung bei der endgültigen Auswahl seiner “Outdoorkleidung”. )

Meine Tochter diskutiert in der Zwischenzeit, warum sie keine kurzen Sachen anziehen kann (7 Grad Außentemperatur). Ich stelle sie genervt vor die Tür. Sie zieht freiwillig lange Kleidung an. 

Die Kleinen sind mit Frühstück fertig, mein Kaffee inzwischen halb kalt und die Tochter besteht darauf keinen Hunger zu haben. Wie immer. 

Um 8:10 Uhr kommt der Kindergartenbus und bis dahin versuche ich selbst etwas zu essen und das Frühstück wegzuräumen. Meine Tochter hilft meistens mit. Um 8:00 gehe ich mit ihr anziehen und sperre die Kleinen im Wohnzimmer ein. (Wenn ich sie nicht einsperre, laufen sie mir raus und fallen die Stiege hinunter.) Sie spielen die 10-15 min allein und wenn ich wieder komme, sind sie meist in irgendein Spiel vertieft. Zumindest die Kleinen können sich selbst beschäftigen. 

Der Vormittag ist dann eine Mischung aus “die Kleinen räumen Zeug raus, hauen ab und machen Blödsinn”, Bücher ansehen und vorlesen und meinem Versuch Wäsche zu waschen.

Gegen 10:30 Uhr schlafen die Minis und ich habe das erste Mal Zeit um durchzuatmen. Diese ca. 1,5 – 2 Stunden nutze ich für Wäsche und grobes Aufräumen und Zeit für mich. Sprich: Couch. 

Gegen 11:30 Uhr beginne ich zu kochen. Je nach Wochentag kommt  mein Sohn um 11:30 bereits wieder nach Hause oder erst um 12:30 mit seiner Schwester. 

Mittagessen, Chaos in der Küche, Chaos im Wohnzimmer, da sich die Großen abreagieren müssen vom für sie stressigen Vormittag bzw. eben den vielen Eindrücken. Die Kleinen helfen dabei auch nicht wirklich, indem sie ständig die Schultasche ausräumen oder am Tisch herumspazieren. 

Nachdem das Mittagschaos verräumt und der Hausübungskampf begonnen hat, bin ich eigentlich bettreif. Gegen 14 Uhr ist der Sohn meist mit seiner HÜ fertig, außer er will absolut nicht, dann kann es sich auch einmal einen ganzen Nachmittag ziehen. Da er noch dazu nicht allein in einem Raum bleiben kann oder alleine aufs Klo gehen (ohne dass jemand in der Nähe ist, Klo gehen selbst kann er schon), darf ich auch nicht das Haus verlassen. So warten alle bis er fertig ist. Hier erspare ich Details. Sagen wir so, gegen 15 Uhr haben wir es meist nach draußen geschafft und die Kleinen laufen voller Freude hinaus – und davon. Meine Tochter jammert, weil ich nicht mit ihr mitgehen kann beim Radfahren und mein Sohn schreit mich an, warum ich seinen Helm nicht mitgenommen habe. (Auf seine Besonderheiten möchte ich gar nicht genau eingehen – aber, lieber Leser, liebe Leserin, es hat seine Gründe.) Wir haben keinen Garten, aber gegenüber unserem Haus einen Spielplatz. Dazwischen geht eine Straße durch. Wenig befahren, aber trotzdem muss immer geschaut werden.

Um 16:30 oder 17 Uhr kommen wir meist wieder zurück, da die Kleinen grantig sind und Hunger haben. Küche und Wohnzimmer sehen aus als hätte man einen Hurricane durchsausen lassen…egal. Alle Kinder bekommen etwas zu essen, es wird gespielt, diskutiert und gestritten.

18:30 Uhr ist Bettzeit für die Kleinen. Die Großen räumen im Optimalfall in der Zwischenzeit im Wohnzimmer auf. In 70% der Fälle allerdings streiten sie und wir müssen danach über das Aufräumen diskutieren. Um 19:30 Uhr ist Bettgehzeit für die Großen. Die dürfen noch Hörspiel hören oder lesen. Meine Tochter schläft meistens brav ein, mein Sohn schafft es auch am Abend noch mich wahnsinnig zu machen. Bis ich entnervt um 21 Uhr selbst ins Bett gehe. Dann fühlt er sich sicher und kann schlafen. Bis 21 Uhr habe ich meist noch geräumt, Wäsche gemacht und das Allernötigste geputzt. 

Zwischen 23 und 2 Uhr beginnt meine Tochter meist hysterisch zu schreien und will zu mir. Sie legt sich dann in mein Bett. Die Minis haben bisher immer durchgeschlafen, aber seit Neuestem wird eine immer ca. 3-5x pro Nacht wach. (Es hat sich inzwischen wieder gelegt und sie schläft durch, berichtet meine Frau)

Tagwache ist dann wieder gegen 5 Uhr. 

Und so läuft es dahin…Tag für Tag…Woche für Woche…Monat für Monat. 

(Ja, wir könnten Familienhelfer BEZAHLEN. Und Babysitter BEZAHLEN. Nur, woher das GEld nehmen und nicht stehlen? 10-15 Euro Pro Stunde muss man evt. auch erst mal mit gutem Gewissen bezahlen können.)

Und jetzt lieber Leser, geh zurück zum Anfang des Textes und lies dir die Fragen der Leute noch einmal durch. Wie würdest du nach all dem Wissen jetzt reagieren? 

Manchmal brauchen sogar Mütter eine Auszeit. Nämlich eine, die ihnen gegönnt und nicht von allen Seiten schlecht geredet wird. 

Und so liege ich hier manchmal im Wellnessbereich und gerade gestern lese ich einen Artikel über eine Mutter, die ihren 20 Stunden Job und ihr Einzelkind perfekt unter einen Hut bringt. Die sich von der Welt feiern lässt, weil es ja so anstrengend ist. Die ihren Mann feiert, weil er das WE dann das Kind übernimmt und während der Woche sich die Großeltern um das Kind reißen, damit sich die gestresste Madame erholen kann. Wie müssen sich da Mütter fühlen, die wirklich überfordert sind? Die wirklich kämpfen und die nicht den Mut haben, zu sagen: Ich kann nicht mehr? 

 Ich hab den Artikel wieder zugemacht und war stolz auf mich, auf meine Frau und meine Kinder. Sehr stolz sogar. 

2 Kommentar(e)

  • by Maria Pilz Posted 22. September 2019 16:09

    Bravo für diesen tollen und so wahren Text. Danke

  • by Claudi Konowski Posted 22. September 2019 14:38

    Grandios, Michaela Enjoy und lass die Leute reden

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