Überleben mit 4 Kindern

Überleben mit 4 Kindern


Es ist 5 Uhr morgens. Ich sitze hier am Computer, genieße einen heißen Kaffee (die Betonung liegt auf heiß, denn in Anwesenheit unseres lustigen Kindergartens ist das selten möglich) und esse genüsslich ein Mohnflesserl, das ich gestern für mich gekauft habe – nur für mich. Ja, es sind diese Momente, in denen man sich kurz wie ein Mensch fühlt und für die ich gerne aufstehe. 

Unsere Tochter brüllt ohnehin seit 3.30 Uhr in regelmäßigen Abständen, die ältere Tochter liegt quer in meinem Bett und hat mich sozusagen sanft aus dem Bett geschoben um zu sagen: Mamsi, steh lieber auf, du hast eh schon ein paar Stunden geschlafen.

350 Kilometer laufen vs. 10 Tage alleine

Die letzten 10 Tage war ich alleine mit allen 4. Davor hatte ich ‘Urlaub’ und bin bei einem Bewerb in Italien 350 Kilometer gelaufen (Jetzt ist einmal, völlig verdient, meine Frau dran, Urlaub zu machen). Dabei wurde ich gefragt, wie man das schafft, das sei doch unmöglich. Wie man 10 Tage mit 4 Kindern übersteht, hinterfragt interessanterweise niemand. Es ist aber mindestens genauso ‘spannend’. Um hier keinen Roman zu verfassen, konzentriere ich mich auf die Highlights. 

Unsere Zwillinge sind etwas älter als 1 1/2 . Genau genommen 20 Monate. Weil sie wie zwei kleine Ganoven sind, nenne ich sie heute Bonnie und Clyde. Der ältere Sohn ist mittlerweile 8, er ist klug und anstrengend zugleich, sein Name hier im Blog: Einstein. Die Tochter ist 4, sie ist einfühlsam, sensibel und eigenwillig; ich nenne sie Minnie (Maus). 

(Unterbrechung. Es ist 5.30 Uhr, Einstein und Minnie sind am Weg ins Wohnzimmer. Da kommt Freude auf. Das verspricht nach dem Bettgehen gestern um 9 heute ein wunderbarer Tag mit völlig ausgeschlafenen Kindern zu werden).

Bonnie und Clyde, die Zerstörer

Wer Kinder im Alter von 1 ½ bis 2 Jahren kennt, weiß vielleicht, dass diese allerhand Blödsinn im Kopf haben. Bei Zwillingen verdoppelt sich dieser Blödsinn nicht, er potenziert sich gefühlte Hundert mal. Es ist unmöglich sie mehr als 30 Sekunden aus den Augen zu lassen, es sei denn, man stört sich nicht daran, wenn Bücher zerrissen werden, der Kopf in den Ofen gesteckt, am Tisch geklettert wird, Jalousien herunter gerissen werden. Eine Lade, bei der die Kindersicherung nicht geschlossen ist – großer Fehler. Man kann schließlich wunderbar mit Plastikdosen bauen und das Sprichwort: ‘Messer, Gabel, Schere, Licht ist für kleine Kinder nicht’, wird völlig überbewertet. 

Einstein am Morgen 

Sohnemann steht um etwa 6.15 Uhr auf, meistens muss ich ihn an Schultagen wecken, da er am Abend nicht akzeptiert, dass man mit 8 Jahren vor 22.00 Uhr schlafen sollte. An Wochenenden freilich – siehe heute – klappt das aufstehen wie von selbst um ca. 5.30 Uhr. Der Ablauf ist immer der Gleiche: Ins Wohnzimmer kommen, sich auf die Couch werfen, Mickey Maus lesen. Ein Hinweis auf Schulkleidung statt Pyjama: Ich werde angeschrien. Ein Hinweis, dass das Frühstück am Tisch steht: Ich werde angeschrien. (Freilich mache ich ihm das was er gerne mag, zb Milchreis, das ändert aber nichts am Unmut zu Tisch zu kommen). Nach dem ersten Löffel bzw. Bissen: “Ma, ist das gut, Danke!”

Die Idylle währt nur kurz, denn die Frage, ob er sich Kleidung vom Zimmer mitgenommen hat, löst nichts Gutes aus. Wer errät es? Ich werde angeschrien. So setzt sich das fort bis kurz vor der Abfahrt vom Schulbus. Erneuter Nervenzusammenbruch, weil ich erwarte, dass er sich eine Jacke anzieht, er aber nicht weiß, welche er nehmen soll. 

Haben wir das geschafft, geht es mit den anderen 3 weiter… 

Minnie Maus und die Ganoven am Morgen

Mit 4 Jahren schafft es unsere Maus verwunderlicherweise, sich selbständig anzuziehen. Meistens macht sie das sogar ganz alleine. Die Stimmung ist immer ein Glückstreffer. Wenn ihr beim Betreten des Wohnzimmers ein ‘Guten Morgen’ auskommt, dann ist der Tag in Ordnung. Wenn nicht, kann er nur besser werden. Auf sie wartet in der Regel ein Brot oder Toast mit Nutella. 3 mal abbeißen und sie ist ‘richtig voll’. Essen hat bei ihr keinen großen Stellenwert – reine Zeitverschwendung. 

Clyde hingegen hat Riesenhunger. Bekommt er nicht alle 10 Sekunden einen Löffel Milchreis oder Grießbrei, wird geschimpft. Währenddessen schmiert sich Bonnie ihr Butterbrot inbrünstig in die Haare oder zermatscht es. Mit etwas Glück – vorausgesetzt sie hat einen eigenen Teller – isst sie etwas. Sie darf nicht mehr mit einem Löffel gefüttert werden, ein völliges No Go. Immerhin wird sie in ein paar Monaten 2 Jahre alt und beherrscht es wie keine Andere, das Essen von Kopf bis Fuß überall zu verteilen. Man könnte es also ungenütztes Potenzial nennen, würde sie nicht alles selbst machen dürfen.

Im Arrest

Der Kindergartenbus kommt fast eine Stunde später als der Schulbus. Sind wir mit dem Frühstück fertig, sind Bonnie und Clyde erstmal im Arrest. Das bedeutet hier: In ihren Sitzerln, in denen sie angeschnallt sind. Es ist nämlich sonst unmöglich, dass ich das Frühstückschaos wieder beseitigen kann, ohne dass zum Beispiel jemand in den Geschirrspüler klettert. Auch die Waschmaschine wird angeworfen und sonstiger Haushalt erledigt. Natürlich gebe ich den Zwergen ein Buch zum Lesen oder etwas zu spielen. Sie bevorzugen es derzeit aber, sich gegenseitig zu hauen oder zu testen wer die lauteste Stimme hat. Wenn ich noch einmal ins Bad muss, dann sollte ich das jetzt erledigen, denn die oben genannten 30 Sekunden unbeaufsichtigt sollte man nicht überschreiten.

Nachdem Minnie Maus im Bus ist, dürfen die Ganoven spielen gehen. Oder zu deutsch: Alles auf den Kopf stellen, was nicht niet- und nagelfest ist. Eine wunderbare Zeit. Wenn beispielsweise ein Telefonat eintrifft, das ich annehmen sollte, ist das unmöglich, weil es der Lärmpegel in der Regel nicht zulässt. Um ungefähr 10 Uhr sind sie die zwei so streichfähig, dass es Zeit ist für eine Runde Schlaf. Meistens gehe ich mit ihnen mit dem Wagen nach draußen – Bewegung und Auszeit. 

Der tägliche Spaziergang

Dann der übliche Ablauf: Kochen, essen (ähnlich wie beim Frühstück), wieder aufräumen. Bonnie und Clyde werden auf Bewährung freigelassen. Bei ganz großem Blödsinn droht jederzeit ein 5-minütiger Arrest im Sitzerl. Ob das pädagogisch richtig ist, hinterfrage ich nicht. Es schont definitiv meine Nerven. 

Die Hausübung von Einstein funktioniert einmal besser, einmal schlechter. Dem Thema könnte ich einen eigenen Artikel widmen.

Outdoor Entspannung am Nachmittag

Scheint die Sonne, möchte Minnie Maus radfahren gehen. Dass mittlerweile der Herbst eingezogen ist und kurze Hosen (wir wohnen auf knapp 1.000 Metern) nicht mehr geeignet sind, ist immer noch schwer zu akzeptieren. Sind wir alle draußen, ist speziell Clyde überglücklich. Die kleine Bonnie reagiert auf hohes Gras, nasse Hände und sonstige unkalkulierbare Umwelteinflüsse eher hysterisch. Einstein versuche ich zu erklären, dass er nicht unbeaufsichtigt den Rasentrimmer benutzen darf. Und so weiter. Alles in allem ist es aber draußen immer ein wenig entspannter. 

Wunderbare Ausflüge

Mittwochs ist zum Beispiel Lauftraining – 25 Autominuten entfernt auf der Laufbahn. Um das mit allen 4 bewältigen zu können, packe ich Zeug wie für einen Urlaub: Windeln, Feuchttücher, Flascherl, ein Berg Jause, Wechselkleidung, Wagen, ‘Dizis’ (mindestens 2, für Bonnie überlebenswichtig) …. extrem entspannend. Die kleinen anziehen, den Großen dazu bewegen, sein Trainingsgewand zu holen, anschließend ein Kind nach dem anderen ins Auto verfrachten und Abfahrt. Hoffen, dass niemand ins Auto kotzt. Der Spielplatz wäre mein Ziel. Diese Woche: Regen, das klappt also nicht. Also Alternativprogramm: Einstein zum Training, mit den anderen 3 ins Geschäft einkaufen. Wieder: Alle Kinder aus dem Auto raus, die Kleinen in einen Wagen, Minnie fährt mit dem Einkaufswagen davon. Entnervt zur Kasse kommen und komische Blicke der anderen Leute ernten (Ja, das sind mehr als 2 Kinder! Völlig aus der Norm. Ich habe sogar nur 3 von 4 dabei!) Wieder alle ins Auto, zurück zur Laufbahn, alle aus dem Auto, Einstein holen, retour, wieder alle ins Auto. Die Kleinen haben jeweils ca. 13 Kilo, das ist also ziemlich gutes Krafttraining, nur so nebenbei.
Klingt das nicht nach einem wunderbar entspannenden Ausflug mit Kindern? 

Die große Hungersnot

Trotz Nachmittagsjause bricht um spätestens 17.00 Uhr die große Hungersnot aus. Einstein und Minnie geben selten bekannt, dass sie Hunger haben. Der Unterzucker ist durch das Übersteigen vom normalen Streit-Ausmaß schwer zu übersehen. Bonnie und Clyde werden ärgerlich, hauen und ziehen sich, stolpern über alles mögliche. Also zum dritten Mal: Kochen und die hungrige Meute versorgen. 

Das Sandmännchen ruft 

Um 18.30 ist es für die kleinen Ganoven endlich Zeit fürs Bett. Bekommt Clyde nicht sofort sein Flascherl, muss er sich auf den Boden werfen – die Welt geht unter. Zum Glück schlafen die beiden brav ein. Anschließend räumen Einstein, Minnie und ich gemeinsam auf. In meiner Idylle ganz freiwillig. In der Realität erpresse ich die beiden mit Nintendo-Verbot am nächsten Tag. So klappt auch das. Gegen 7 geht es für Einstein und Minnie ebenfalls bettwärts. Nur noch zum 100. Mal erklären, warum man nicht jeden Tag einen neuen Pyjama braucht, warum sich das benutzte Gewand nicht von selbst aufräumt, warum man vor dem Schlafen nicht noch 10 Gläser Wasser trinken sollte, …. 

Ins Bett bringen, eine Geschichte vorlesen und im Optimalfall ist um 19.30 Uhr Ruhe. Dann werfe ich meinen Computer an und versuche noch bis etwa 22 Uhr zu arbeiten, ohne einzuschlafen. 

Selbst ausgesucht 

Wir haben es schon mehrmals geschrieben. Ich finde es faszinierend, dass bis zu einer Anzahl von 2 Kindern alles normal zu sein scheint. 4 sind aus der Norm. Da darf man nicht mehr jammern, denn das haben wir uns selbst ausgesucht. Stimmt. Man sucht sich aber auch den Job aus. Wenn dieser anstrengend ist, darf man jammern. Man sucht sich grundsätzlich die meisten Lebenssituationen selbst aus und darf sich darüber aufregen, wenn etwas nicht leicht ist. 

Mit einer großen Familie? Nein, da muss man einfach klarkommen. Wir haben ‘alle heiligen Zeiten’ Unterstützung in Form einer Familienhelferin. Die darf man nämlich nur in Notfällen beantragen. Großteils sind das überforderte Mütter mit EINEM Kind. 
Für Babysitter zahlt man pro Stunde übrigens 10-15 Euro. Viel Spaß beim Rechnen.

Das klingt jetzt alles sehr negativ. Natürlich gibt es auch etliche schöne Momente und ein Lachen, ein neues Wort, gemeinsames Kuscheln entschädigt für sehr vieles. Ich liebe unsere Kinder, aber ich kann gar nicht in Worte fassen, wie froh ich bin, wenn diese Kleinkind-Zeit vorbei ist.

Viele Nerven bis zum Zieleinlauf

Um zu einem Ultralauf über 100 Kilometer und mehr zurückzukommen: Das ist ein guter Vergleich. Es ist unterwegs irre anstrengend und im Ziel ist man unglaublich stolz, es geschafft zu haben. Wir haben noch etwa ein Jahr vor uns, bis auch die kleinen Ganoven in den Kindergarten gehen und aufhören, nur Sch… zu machen. Dann haben wir auch eine kleine, große Ziellinie erreicht und hoffentlich wieder etwas mehr Leben für uns selbst.

Jetzt ist es Zeit zum Vorlesen, Zeit, die kleinen schlafen zu legen und für eine weitere große – heiße – Tasse Kaffee.